„Wenn Ernährung keinen Spaß macht, scheitert sie“ – Dr. Matthias Riedl über falsche Ernährung, Aufklärung und Verantwortung
Warum Genuss, Gewohnheiten und kleine Veränderungen über Erfolg entscheiden
Dr. Matthias Riedl ist Internist, Diabetologe und Ernährungsmediziner. Seine berufliche Laufbahn begann im Journalismus, was seinen sachlichen und verständlichen Zugang zu Gesundheits- und Ernährungsthemen bis heute prägt.
Er ist Gründer und ärztlicher Leiter des Medicum Hamburg und einem breiten Publikum durch die NDR-Ernährungs-Docs bekannt. Inhaltlich befasst er sich mit der Umsetzung wissenschaftlich fundierter Ernährungsempfehlungen im Alltag.
Mit der App myFoodDoctor bringt er Ernährungstherapie dorthin, wo sie im Alltag stattfindet: nach Hause – als erste rein digitale Ernährungsmedizin-App in Deutschland.
Herr Dr. Riedl, Sie sind Internist, Diabetologe, Ernährungsmediziner – und waren ursprünglich Journalist. Wie hat dieser ungewöhnliche Werdegang Ihren Blick auf Gesundheitskommunikation geprägt?
Diese Reihenfolge hat meinen Berufsweg kommunikativer geprägt. Dinge zu recherchieren und einfach darzustellen. Damit verbunden ist auch der Anspruch aufzuklären, Dinge zu bewegen und am Ende auch ein politischer, gesellschaftlicher Anspruch.
Medizin kann im Sprechzimmer ablaufen oder aber auf größerer Bühne publizistisch als Podcast, Zeitschrift, Webinar etc. noch viel mehr Menschen erreichen. Dem bin ich treu geblieben. Ich erreiche nicht nur 100 000 Patienten persönlich im Sprechzimmer, sondern Millionen. Und genau das erlebe ich auch auf der Straße, beim Supermarkt, im Flugzeug. Überall erzählen mir die Menschen von ihrem gesundheitlichen Erfolg mit großem Stolz und auch viel Dankbarkeit.
Kaum ein Thema ist so emotional aufgeladen wie Essen. Warum fällt es Menschen heute schwerer denn je, einfache und gesunde Ernährungsentscheidungen zu treffen?
Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die ernährungsfeindliche Umgebung im Supermarkt. 80 % der Produkte sind ungesund und nicht zur Dauerernährung geeignet. Dann der zunehmende Einfluss der Influencer, die Produkte in den Markt drücken. Hier wird bis zu 90 % Unsinn verbreitet.
Und schließlich die schlechte Gesundheits- und Ernährungskompetenz, die bei rund 80 % der Bevölkerung sehr schlecht ist.
Sehr gut ist sie nur bei 3 % der unter 35-Jährigen und 11 % der über 35-Jährigen. Da hat Marketing ein leichtes Spiel. Hier muss der Verbraucherschutz ernster genommen werden, um die Menschen zu schützen. Das würde auch Gesundheitsausgaben sparen.
In Ihrem neuen Buch „Schlank mit System“ bauen Sie auf dem 20:80-Prinzip auf. Können Sie diesen Ansatz kurz erklären?
Immer noch stehen unsinnige und ungesunde Diäten auf Platz 1.
Dabei sind die meist nicht für die Dauerernährung geeignet, weil einseitig. Wir Menschen haben liebgewonnene Gewohnheiten, die wir nicht so einfach über Bord werfen wollen. Daher gilt es vorher zu analysieren, was genau an der individuellen Ernährung denn so falsch ist.
So arbeiten wir bei uns im Medicum Hamburg und auch bei den Ernährungsdocs. Das macht den Erfolg aus.
Also erst Analyse per Tagebuch (da haben wir Vordrucke, erschienen bei GU) oder noch einfacher in unserer App myFoodDoctor. Die dann ermittelten Fehler sind Entscheidungsgrundlage für die Veränderungen.
Ausgewählt werden dann nur Dinge, die nicht wehtun. Das wird dann 2 bis 3 Monate durchgeführt, bis es zur Routine wird. Im Prinzip sollen nur maximal 20 % der Gewohnheiten verändert und 80 % belassen werden.
Das ergibt, weil es uns nicht überfordert, maximalen Erfolg und Nachhaltigkeit. Wer die App benutzt, wird auch noch zusätzlich gecoacht und monitort. Dabei erfährt er seine Verbesserung und wo noch Nachholbedarf ist. Das Prinzip ist von der Stanford Uni gut erforscht und als erfolgreich bewiesen.
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Warum ist gerade dieses Prinzip für viele Menschen praktikabler als strenge Diäten oder starre Ernährungspläne?
Wir sind Hedonisten. Wollen Spaß und Genuss. Wenn ich als Ernährungsmediziner den verbiete, habe ich keinen Erfolg. Alles, was ich empfehle, muss auch Spaß machen. Daher haben wir eine Vielzahl von tollen Rezeptbüchern entwickelt – einige auch mit dem wunderbaren Johann Lafer. Von unserem Team kam die Gesundheit und von ihm der besondere Geschmack. Ich koche die Rezepte gern immer wieder.
Sie sprechen von „artgerechter Ernährung“. Was meinen Sie damit – und was läuft aus Ihrer Sicht in den gängigen Ernährungsempfehlungen schief?
Jedes Tier auf der Welt hat eine an die Umgebung und das Wesen angepasste Ernährung. Das ist unlängst bewiesen worden von einer australischen Arbeitsgruppe. Das gilt auch für uns Menschen.
Diese Ernährung ist geprägt von einer engen Beziehung zu Pflanzen und Kleintieren. Rotes Fleisch haben Menschen nur als Aas oder später durch Waffen erschlossen. Die artgerechte Ernährung ist pflanzenbasiert.
Die westliche Ernährung ist reich an ungesunden Fetten, Salz, Zucker, Fleisch und chemiebeladenen hochverarbeiteten Produkten. Das alles ist zur Hauptkrankheitsursache geworden. Auch das ist seit 15 Jahren bewiesen von einer brasilianischen Arbeitsgruppe im Carlos Monteiro.
Alle Zivilisationskrankheiten haben dramatische Steigerungsraten. Dazu gehören auch Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Arterienverkalkungen mit Infarkten in der Folge.
Wie schwierig ist es aus Ihrer Sicht, Ernährungsempfehlungen zu entwickeln, die medizinisch sinnvoll
Gar nicht, wenn man das Wissen hat, wie Menschen ticken, was ihnen schmeckt und wie gesunde Ernährung geht.
Wir haben im Medicum Hamburg damit jahrzehntelange Erfahrung und sind damit die Speerspitze in der praktischen Arbeit. Diese Erfahrung kommt uns bei den NDR-Ernährungsdocs und den vielen Büchern zugute. Das ist unser Erfolgsgeheimnis.
Mittlerweile schreiben viele von uns ab. Auch alte Kritiker aus der universitären Medizin, die mich früher auf Kongressen scharf attackiert haben, nehmen jetzt Ernährungsempfehlungen von uns auf. Immerhin tut sich was.
Sie kritisieren seit Jahren, dass Ernährungstherapie in der Medizin zu wenig genutzt wird – gerade bei Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Woran liegt das?
In der Uniausbildung kommt das nicht vor. Und womit man keine Erfahrung hat, das empfiehlt man auch nicht. Dabei ist die Nichtempfehlung der Ernährungsmedizin ein Kunstfehler, der aber landauf und landab üblich ist, weil die große Mehrheit der Medizin keine Erfahrung darin hat.
Ernährungsmedizin ist der Gamechanger, aber leider noch in der Avantgardefunktion.
Aber es gibt Hoffnung: Die jungen Ärzte wollen das und melden sich zuhauf bei uns zur Weiterbildung an. Da haben wir eine Warteliste. Neuerungen benötigen in der Medizin Jahrzehnte. 30 Jahre habe ich jetzt damit schon hinter mir.
Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Praxis, wenn Patientinnen und Patienten ihre Ernährung konsequent umstellen?
Viele Beschwerden verschwinden, Krankheiten ebenso, und viele sagen: „Eigentlich habe ich gar nicht so viel verändert, fühle mich aber fit und vital wie schon lange nicht.“
Sie haben mit der myFoodDoctor-App Ernährungstherapie digitalisiert. Welche Rolle können digitale Anwendungen dabei spielen, Menschen langfristig zu einer gesünderen Ernährung zu befähigen – und wo liegen aus Ihrer Sicht ihre Grenzen?
Das wird DER GAMECHANGER, weil wir nicht genug Behandlungsangebote haben. Gerade mal 100 Schwerpunktpraxen Ernährungsmedizin und 1500 anerkannte Ernährungsberaterinnen. Das reicht nicht.
Die myFoodDoctor-App ist quasi der Ernährungsdoc für das Wohnzimmer. Es soll die erste Anlaufstelle sein. Die Krankenkassen warten schon sehnsüchtig auf die Zertifizierung für die Erstattung der GKV. Das ist bloß ein langer bürokratischer Prozess, der im Sinne der User schneller gehen sollte. Wir haben keine Zeit zu verlieren.
Deutschland ist das kränkeste Land in Europa. Wer mit der App nicht ausreichend erfolgreich ist, der sollte dann eine Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin aufsuchen (Umkreissuche www.bdem.de)
Wenn Sie Menschen nur einen Rat für einen gesünderen Umgang mit Ernährung geben dürften – welcher wäre das?
Auf Ballaststoffe achten. Sie sind das Futter der gesunden Darmflora. Wer das macht, landet automatisch bei der pflanzenbasierten Ernährung mit viel Gemüse (500 g), Saaten, Körnern und Nüssen.
Bildrechte: Portrait-Foto & Buch-Cover: ©Frank von Wieding | Rezeptbilder S. 123 und S.191 aus dem Buch: Schlank mit System. Erschienen im GU Verlag: ©Grossman.Schuerle
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